Glück oder Unglück

Glück oder Unglück

Es war einmal ein alter Mann, dessen einzig wertvoller Besitz ein wunderschönes weißes Pferd war, um das ihn Fürsten und Könige beneideten. Viel Geld hätte er schon erhalten können, hätte er es verkauft. Doch er hatte sich geweigert und war aus diesem Grund für die meisten Leute im Dorf ein seltsamer, alter Kauz, der ein wenig verrückt zu sein schien.

Eines Tages war das weiße Pferd verschwunden. Die Leute des Dorfes liefen zusammen und waren ganz aufgeregt. Das ist ja furchtbar, sagten die einen. Welch ein Unglück, meinten andere. Siehst du, alter Mann, rief einer, das hast du nun davon. Hättest du es verkauft, könntest du einen ruhigen Lebensabend mit dem Geld dafür genießen. So ist es dir jetzt wohl gestohlen worden, und du hast gar nichts mehr! Viele nickten, andere murmelten zustimmend.

Der Alte aber meinte: Woher wollt ihr das wissen? Bleibt bei dem, was Tatsache ist. Das Pferd ist weg. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen, wer kann das schon sagen? Die Leute schüttelten verständnislos den Kopf. Was sollte daran ein Segen sein? Sie gingen nach Hause und manch einer hielt den Alten für noch verrückter als zuvor.

Nach zwei Wochen kam das weiße Pferd wieder zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern über die Umzäunung gesprungen. Im Schlepptau hatte es zwölf Wildpferde aus einer Herde, mit der es mitgezogen war.
Die Menschen des Dorfes liefen wieder zusammen und alle waren sich einig. Der alte Mann hatte recht gehabt, meinten sie. Was für ein Glück! Jetzt hatte er dreizehn wertvolle Pferde anstatt eines.
Der Alte aber sagte nur: Langsam, langsam, bleibt bei dem, was wir wissen. Das weiße Pferd ist zurückgekommen und es hat zwölf weitere Pferde mitgebracht. Ob es ein Glück ist oder ein Unglück, das kann niemand von uns wissen.
Was sollte daran ein Unglück sein, dachten die Menschen und kopfschüttelnd kehrten sie in ihre Häuser zurück.

Der einzige Sohn des alten Mannes begann die Pferde zuzureiten. Beim vierten wurde er abgeworfen und fiel so unglücklich, dass er sich das Becken bracht und von da an humpelte.
Die Menschen des Dorfes versammelten sich wieder und jammerten: Was für ein Unglück, was für ein Unglück! Dein Sohn, die einzige Stütze deines Alters ist nun ein Krüppel. Du hattest recht es war ein Fluch, dass die Wildpferde zu dir gekommen sind!
Der Alte wurde langsam ungehalten. Lernt ihr es denn nie? Ihr könnt jetzt nicht wissen was aus den Dingen in der Zukunft wird. Ob es ein Segen oder ein Fluch ist, das weiß nur Gott allein. Hört auf zu urteilen ihr Kleingeister! Damit ging er ins Haus, schloss die Tür und ließ die Leute draußen stehen.
Sie verstanden nicht, schüttelten nur den Kopf ob der Kauzigkeit des Alten, gingen nach Hause und lebten weiter vor sich hin.

Es traf sich aber nicht lange danach, dass das Land, in welchem besagtes Dorf lag, mit einem Nachbarland in einen Krieg eintrat. Alle wehrfähigen Männer wurden zu den Waffen gerufen und es war klar, dass viele ihrer Söhne, Männer oder Väter nicht wieder nach Hause zurückkehren würden, denn der Nachbarstaat war sehr mächtig. Derjenige, welcher daheim bleiben durfte, war der humpelnde Sohn des alten Mannes.
Da kamen die Menschen des Dorfes wieder zu dem Alten. Sie waren ganz still dieses Mal, denn sie hatten erkannt, dass aus scheinbarem Glück großes Leid, aus scheinbarem Unglück ein Segen werden kann.

Es ist meist unser aller Hemmnis, die Dinge so zu nehmen wie sie sind. Wir beschäftigen uns mehr mit den Bewertungen des Lebens als mit dem Leben selbst. Das eine ist gut, denn es scheint auf den ersten Blick die Kriterien zu erfüllen, die uns wichtig sind, die unser Dasein angenehm machen und unser Denken, Fühlen und Handeln bestätigen. Danach streben wir. Wenn es uns dann widerfährt, dann ist es ein Glück.

Anderes wiederum sieht nach Leid, Trauer und Demütigung aus, da es aus einer Fehleinschätzung unsererseits entstanden sein könnte. Das ist dann schlecht, ein Unglück.

So in unseren Gedanken und Gefühlen verhaftet, beschäftigt mit den Strategien, das „Gute“ zu halten und das „Schlechte“ zu vermeiden, gehen wir wie Zuschauer am Rande unseres Lebens spazieren, sind in der Aura unserer Werturteile gefangen und unfähig die Geschenke und Anstöße unseres Lebens anzunehmen. Wir sehen was wir glauben, aber ist es auch die Wahrheit?

Der alte Mann weiß um diese Dinge. Es ist ihm nicht möglich, sie zu vermitteln. Zu mächtig ist das, den Menschen des Dorfes gemeinsames Feld der Überzeugung von Gut und Böse.

Das Leben in seiner Vielfalt schenkt ihnen Zeichen durch das Leben des Alten, der sich so bereitwillig den Dingen hingeben kann, gleichmütig und gesammelt.

Autor unbekannt

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